• Kathie

Sei laut.

Achtung, Triggerwarnung. Dieser Text enthält ziemlich verstörende Passagen...wobei NEIN. Keine Warnung.

Es ist Realität, wir können nicht davon rennen.


Ja ich weiss - ich habe immer gesagt ich möchte diesen Blog nicht "politisch" nutzen.

Er sollte erheitern, es ist ein Familienblog, der all die Dinge anspricht, die so die Familie, Vereinbarkeit, Mentalload, witzige Anekdoten und Co betreffen.


Aber dann ist mir (zum wiederholten Male) am Montag, am 27.Januar, klar geworden: Das geht nicht!

Ich habe eine Stimme und ich möchte und ich MUSS sie nutzen.


Wieso Montag? An diesem Tag jährte sich der Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum 75. Mal.

Auch die Jahre haben dabei nichts an der Brisanz und der Wichtigkeit des Themas geändert. 75 Jahre ist das unfassbare Grauen nun her. Und dennoch hat es Relevanz im Heute.


Der Holocaust ist kein verstaubtes Geschichts-Thema, durch dass sich alle Schüler einmal durchwälzen, bevor sie es wieder in die ungeliebte Ecke der Bibliothek geben und es dann gedanklich abhaken.


Der Holocaust ist DAS größte, schlimmste und verabscheuenswürdigste Verbrechen der Menschheit.


Wir sprechen vom Singularitätsprinzip: Es gibt leider weitere schlimme, schlimme Verbrechen in der Geschichte, Völkermorde, unsagbares Leid, Grausamkeiten... aber das Ausmaß des Holocausts ist mit absolut nichts vergleichbar.


Die Tötung von Menschen, von Frauen, Schwangeren, Kindern, Babys, Männern war systemmatisch. Es war eine Maschinerie. Das macht es unvergleichlich.


Sicher habt ihr bereits von einigen Schicksalen gehört. Vielleicht habt ihr auch schon mal das Mahnmal für die ermoderten Juden in Europa in Berlin besucht. Vielleicht ward ihr sogar bereits einmal zur Besichtigung in einem KZ.


Und ganz vielleicht habt ihr mal von Geschichten wie folgenden gelesen:


Sina, 12 Jahre alt, verwaist, seit 4 Monaten im Arbeitslager, der Kammer nur knapp entgangen, weil sie bei der Selektion hinter jemanden stand, der noch schwächer aussah als sie. Er bekam einen Daumen nach unten und ging keine Stunde später ins Gas. Sina hat heute noch nichts gegessen. Ihr ausgemergeltes Gesicht wird von keinen Haaren mehr umspielt. Es ist kalt. Die Wärterin hat sie heute auf dem Kieker. Sie soll Handschuhe anziehen und den ganzen Tag bei der Arbeit tragen Die Handschuhe sind mit Schnee gefüllt. Am Abend sind 3 ihrer Finger erfroren. Sina stirbt kurze Zeit später am Wundbrand und Erschöpfung.


Friedrich hatte immer ein Auge für Schönes. Kunst, Fotografie. Das war sein Hobby. Ein SS-Mann hatte ihm bereits vor der Deportation seine Kamera genommen. Im KZ erkannte er ihn wieder. Er befahl Friedrich den Kopf in den Nacken zu legen und in die Sonne zu starren. Blinzeln war nicht erlaubt. Blind fand Friedrich dann nicht mehr seinen Platz zum Apell. Zyklon B verätzte seine Lunge.


Maria hat den Transport überlebt. 3 Tage lang. Bei über 40 Grad, zusammengepfercht mit 40 anderen in einem kleinen Viehwaggon, ohne Fenster, ohne Luft. Ein Eimer diente der Notdurft, es stank, war unerträglich. Ihre kleine Tochter, 2 Jahre klammert sich an ihr Bein. Ben, ihren 2 Monate alten Sohn trägt sie nah bei sich. Als sie aussteigt sind da zwei Wärter. Sie lachen schäbig. Einer zeigt auf sie und ruft sie herbei. "Eins der beiden Bälger hauen wir nun gegen den Waggon, bis es tot ist. Welches solles sein?"



Und, wie liest sich das? Ist euch schlecht?


Mir ja. Ich habe hunderte, tausende, solcher Geschichten gesehen und gelesen. Das sind nur zwei Beispiele von Aber-Millionen.

MILLIONEN!


Menschen, die ihre Familie haben sterben sehen. Menschen, die wussten dass sie selbst nur noch wenige Tage haben, wenn nicht sogar Stunden.

Hunger, Krankheiten. Schmerzen.


Und warum?

Aufgrund einer kranken Idiologie.

Aufgrund der Vorstellung, dass einer besser ist als der andere.

Aufgrund von Hass. Missgunst.


Und abertausenden, die wegsahen, mitliefen, leise waen, blind folgten.


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Und heute?


Wie einige von euch wissen, habe ich mich während meines Studiums eine ganze Weile mit den Ursachen von Radikalisierung beschäftigt.

Außerdem habe ich sehr viel zu Rassismus, zur Erinnerung an den Holocaust und Populismus gelesen und die Rolle der Medien und Massenmedien hierzu erforscht.


Ich habe mir Gedanken dazu gemacht, inwieweit Stammtischparolen ("Die nehmen uns die Arbeitsplätze weg" und co) und Bücher wie "Deutschland schafft sich ab" unserer gesamten Gesellschaft schaden und sie beeinflussen.

Wie viele sehen heute weg? Sind leise?


Und um das mal auf den Punkt zu bringen: Es gibt nicht viel mehr, was ich mehr verabscheue als Rassismus oder die Ansicht, man sei durch Herkunft oder Geburt irgendwie besser als jemand anderes.


Und ich will nicht leise sein.


Mit der Flüchtlingswelle ging, fast unmerklich, ein Rechtsruck durch unsere Gesellschaft und "Das wird man jawohl noch sagen dürfen" wird immer lockerer gesehen.

Tabus werden immer mehr geweitet.


Ich mache mir große Sorgen wegen dieser Entwicklung.


Kennt ihr den Hashtag "Danke, Merkel"?

Wie viele von euch wissen, steht dieser Hashtag eigentlich für etwas Witziges. In der so genannten Flüchtlingskrise vowurfsvoll gegen unsere Bundeskanzlerin gerichtet, hat er sich mehr und mehr zu einem Kult entwickellt.

Man benutzt ihn in den Social Media nun fast nur noch ironisch.

"Mein Hund hat ins Wohnzimmer gepinkelt. Danke Merkel!" oder "Im Supermarkt war der Brokkoli ausverkauft. Danke Merkel!"


Ich habe ihn heute allerdings nicht aufgrund der Komik dahinter erwähnt.


Denn dieser Beitrag ist nicht komisch und soll es auch nicht sein.


Aber ich finde es einfach wichtig, mich zumindest an einer Stelle ganz klar zu positionieren.


Wenn das nun dazu führt, dass ich viele meiner Abonennten, also euch meine lieben Leser, verliere.... dann finde ich das sehr schade.

Aber wenn es eins gibt, womit ich so gar nicht leben kann, dann ist das wie schon erwähnt Rassismus.


Deshalb nun ein kurzes Gedankenexperiment. Eine weitere Geschichte, lediglich 70 Jahre später.


Stellt euch vor ihr lebt glücklich und zufrieden und gut situiert mit deinen drei Kindern, 4 und 2 Jahre und 3 Monate in einem Haus. Du bist Arzt, hast studiert und bist glücklich. Deine Frau ist zu Hause, auch wenn sie selbst eigentlich eine gute Ausbildung hat. Sie hat entschieden, dass sie sich zunächst nur noch um die Kinder kümmern möchte.

Plötzlich ändert sich - ohne dein Zutun - die politische Situation in deinem Land. Erst ist es schleichend, dann werden die Einschränkungen, die dich auch direkt betreffen immer größer. Du darfst nicht mehr in deinem Beruf praktizieren. Immer mehr deiner Nachbarn verschwinden plötzlich spurlos. Oder meiden dich.

Und dann - ganz plötzlich sind sie da. In deinem Haus. Die Soldaten. Sie plündern deinen Besitz und bedrohen deine Frau. Irgendwie schaffst du es, sie loszuwerden. Dann bricht das Chaos aus. Plötzlich hat es laut geknalllt. Es kommt aus Richtung deines Elternhauses. Du rennst hin, aber das Haus ist nicht mehr da.

Mit bloßen Händen versuchst du unter den Trümmern nach deinen Eltern zu graben. Du rufst die Namen deiner Schwestern, die im Haus gewesen sein müssen. Du hast keine Chance. Verzweifelt kniest du im Dreck und schreist vor Verzweiflung über die Bomben. Deine jüngste Schwester war nur etwas älter als deine Tochter. Und du findest sie einfach nicht mehr. Verabschieden konntest du dich nicht.

Beim Gedanken an dein Kind raffst du dich auf und rennst heim. Du sagst deiner Frau sie soll ein paar Sachen tragen. Nur das Nötigste, soviel ihr tragen könnt. Du rennst zum Haus deines Onkels um etwas Geld aufzutreiben. Dein Konto, auf dem genug lag wurde schon gesperrt.

Dein Onkel ist alt, er resigniert bereits angesichts der Lage. Er gibt dir das Geld und verlangt dafür nur dein Versprechen dein Möglichstes zu tun, die Kinder und deine Frau in Sicherheit zu bringe. Und seinen Sohn sollst du mitnehmen. Deinen Cousin. Er ist 14.

Und dann rennt ihr los. Und geht und geht. Über Tage.

Du nimmst das Geld deines Onkels und bezahlst damit einen skrupellosen Schlepper. Du hast Glück - er lässt euch alle auf das Boot. Die Nacht ist die schlimmste in deinem Leben. Du hast Angst. Deine Frau hat Angst. Die Kinder sind starr vor Angst. Deine jüngste Tochter schreit auf dem Arm deiner Frau. Sie ist panisch. Es ist laut und kalt. Der Schlepper schreit, sie soll ruhig sein. Dann packt er sie und wirft sie einfach über Bord. Du springst hinterher aber du schaffst es nicht sie zu retten. Das Meer ist zu groß, zu eisig. Irgendwann zieht dich jemand aus dem Wasser und hilft dir. Du bist dankbar aber du musst los, deinen Familie finden.

In Deutschland hat man sie in einem kleinen Zimmer untergebracht. Es ist viel zu eng und laut. Aber es ist sicher. Deine große Tochter und dein Sohn haben nicht mehr gesprochen seit ihre Schwester fort ist. Deine Frau verkümmert vor Trauer. Dein Cousin ist nicht mehr da. Du weisst nicht wo er ist. Du hoffst er konnte sich retten.


Findet ihr diese Geschichte übertrieben?

Ist sie nicht.

Ich selbst habe sie so ähnlich vor einigen Jahren in einem Erfahrungsbericht gelesen und sie lässt mich seither nicht mehr los. Denn das ist kein Einzelschicksal. Den Autoren kenne ich leider nicht mehr.


Was muss es für einen Menschen bedeuten, so ein Leid durchzumachen?

Und wir sprechen von AberundAbertausenden.


Und diese Menschen sind nun hier und werden von uns gemieden.


Aber nicht nur das. Sie werden ALLE in eine Ecke gedrängt.

Es sind alle DIE.

Die anderen. Die Flüchtlinge. Die Muslime.

Und dann kommen diese schrecklichen Anschläge. In Paris, in Berlin, in London. Und alle schreien direkt: Na haben wir es doch gesagt!


Ich bin einfach nur noch geschockt wie plakativ, engstirnig und populistisch die Gesellschaft geworden ist.


Zur Bundestagwahl hat dann eine offensichtlich rechte Partei an Stimmen gewonnen und erfuhr einen derartigen Zulauf, dass einem schlecht wird.

Ihr Redner spricht bereits am Wahltag davon, er werde Merkel "jagen".


Nein. Das ist NICHT mein Deutschland.


Und dann kommt ein Anschlag wie der in Münster vor einigen Monaten. Und eine führende Politikerin derselben Partei twittert direkt "Wir schaffen das" mit einem Wut-Smilie in Anspielung auf die Flüchtingspolitik.

Als sei es ganz klar, dass ein Flüchtling den Anschlag verübt habe. Wohlgemerkt ohne Beileidsbekundung an die Angehörige und Verlezten.

Und selbst als klar war dass es ein deutscher Irrer war, der die Tat in Münster vollbracht hat rudert sie nicht zurück. Von Entschuldigung keine Spur.

Nein, sie haut noch einen drauf: Hätte ja sein können und passiert sicher noch irgendwann und irgendwo.


Es ist an Herzlosigkeit nicht zu überbieten.

Das ist nicht mein Deutschland.

Meine BRD ist bunt, vielfältig und weltoffen.


Leute: ich bin nicht naiv. Ich verstehe, warum dieser Rechtsruck durch die Bevölkerung geht.

Ich verstehe die Angst und ich verstehe warum der Populismus auf fruchtbaren Boden fällt.

LEIDER!


Ich möchte euch nur bitten und dazu aufrufen:

Denkt. Seid fair. Zeigt Nächstenliebe. Überwindet Hass und Angst.

Wir alle können nur bei uns selbst anfangen.

Ich möchte versuchen immer etwas zu sagen und einzugreifen, wenn ich Rassismus bemerke. Das nehme ich mir vor. Und ich möchte helfen, wenn ich kann.


Wenn du ein Dach über dem Kopf hast, etwas zu essen und das hier lesen kannst...dann hast du ein verdammt großes Glück.

Wenn du gesund bist, Familie hast, die dich liebt und die du liebst, dann bist du wahninnig reich.

Und wenn du darüber hinaus Spass hast, dein Leben genießen kannst und dir absolut keine Gedanken um deine Grundbedürfnisse machen musst, dann hast du einen wahnsinnigen Luxus.

Mach es dir BEWUSST.


Wir können so dankbar sein, dass wir und unsere Kinder in Frieden und Reichtum aufwachsen dürfen. Sie müssen keine Angst haben am Abend, sie können sicher schlafen in der Nacht und brauchen keine Sorgen erleiden.


So und bevor nun jemand sagt: Aber das alles ist so lange her! Was hab ich damit zu tun? Ich habe keine Schuld daran!

NEIN! Schuld bist du nicht. Aber du (JA DU!!!) hast eine Verantwortung. Wir alle haben die.

Das ist das was Ralph Giordiano als "Zweite Schuld" bezeichnet. Die Verantwortung für die Vermeidung der Widerholung.


Ja ihr könnt mich gern "Gutmensch" nennen oder naiv.

Es ist mir egal.


Lasst es mich ganz klar sagen: Wenn du denkst "Das wird man jawohl noch sagen dürfen!", wenn du der Meinung bist die AfD ist eine echte Alternative, wenn du denkst der Holocaust sei sicher "nicht so schlimm" gewesen oder wenn du der Meinung bist du bist besser als irgendwer anders, nur weil du das Glück hattest hier geboren worden zu sein...


Dann sage ich dir - mit all der Freundlichkeit die ich aufbringen kann - BITTE geh. Von meiner, dieser Seite. Aus meinem Leben. Und am besten aus der Gesellschaft.


Wir werden dich nicht vermissen.


Und ja, natürlich ist das alles übersichtlich und ebenso plakativ dargestellt. Aber anders kann man das Leid nicht ertragen.

Wenn man für jedes Opfer des Holocausts eine Schweigeminute einlegen würde, wäre es (laut Stern) 11 Jahre lang still.


Seid laut.

NIE WIEDER!