• Kathie

Wenn Worte verloren gehen und Schreiben heilt


Ich habe meine Worte verloren.

Aber sie waren nicht weg, sie waren nur irgendwie untergetaucht in einem Meer anderer Worte.

Meine Worte wurden nicht gesehen und nicht gefühlt.


Ich weiss, dass Worte heilen können.

Sie können gut machen.

Alles was wir tun müssen, ist darauf vertrauen.


Aber manchmal reicht es nicht, Worte zu verlieren.




Ach liebe Leser, bitte entschuldigt. Wahrscheinlich bin ich heute eindeutig zu kryptisch.


Ich weiss nur leider nicht, wie ich sonst beschreiben soll, wieso es hier so ruhig ist.

Wenn es etwas in meinem Leben gab, was immer konstant war, dann ist das die Kommunikation.

Worte, Sätze, ganze Romane, sie waren immer einfach so da, in meinem Kopf.


In mir ganz tief verankert ist der Glaube daran, dass man mit Worten alles lösen kann, jeden Konflikt beseitigen, jede Hürde nehmen.

Sie helfen beim größten Disput, in der tiefsten Trauer und durch ihre Verbreitung können sie auch die größte Freude verteilen. Sie können Liebe ausdrücken und Frust, Leben bunt machen und Trost spenden.

Im Oktober, also ungefähr vor 6 Monaten habe ich an einem Beispiel genau hier noch über die Kraft und die Macht der Worte gesprochen (in dem Beitrag "Wortspiel").

Ich hatte euch ein Bild gezeigt von meiner Familie bei einem herbstllichen Waldspaziergang und die These aufgestellt, dass Wörter Bilder schöner zeichnen können, als das Bild an sich.


Dort heisst es:

"Ist es ein perfektes Bild!?

Der wunderschöne Herbst.

Im friedlichen Wald.

Die Sonne bricht durch die Bäume und zeichnet umwerfende und faszinierende Lichtspiele auf den Boden.

Die Blätter fallen wirbelnd herunter wie wunderschöne und bunte in der Luft tanzende Feen, sich drehend und wandelnd, manchmal wild und manchmal ganz sanft.

Man betrachtet es und fühlt sich frei, allein in der Geborgenheit des nahezu perfekten Momentes, eingeschlossen in purer Magie einer tollen Zeit.

Das Bild zeigt einen Tanz der Zeiten, sinnbildlich steht der Herbst für Veränderung, der Weg für Voranschreiten, aber die Sonnenstrahlen stehen dennoch für Unendlichkeit, für eine Konstante.

Man sieht sowohl vollkommende, ehrliche Einsamkeit wie perfekte Gemeinschaft.

Für mich ist es noch mehr, denn ich sehe auch noch meine drei Herzmenschen, im Zentrum dieser magischen Kulisse.

Ich sehe einen Vater mit seinen beiden Töchtern, ganz nah bei sich, umschlossen durch seine schützenden Hände und getragen auf seinen starken Schultern.

Ich fühle Stolz und Dankbarkeit und Glück und Geborgenheit.

Seht ihr das auch?


Und? Was haben diese Worte jetzt gemacht?

Ich denke ihr habt a) jetzt ein gutes Gefühl, freut euch mit mir über diese schöne Momentaufnahme oder denkt b) was für ein übertrieben schmalziger Text das ist und wieso diese maßlose Übertreibung sein musste oder c) beides.

Bitte. Gerne.

Und jetzt verrate ich euch auch:

Wir hatten viele perfekte Sekunden bei unserem Spaziergang letzte Woche... aber die Wahrheit ist: kurz bevor dieses Bild entstand haben die Mädchen geweint weil sie aus dem Wagen wollten, Greta hatte Hunger und Sophia war müde und quängelig.

Außerdem war Flo genervt von der Trödelei und wir hatten uns verlaufen und mussten daher ungefähr 3 km Umweg in Kauf nehmen.

Ausserdem hatte ich die falschen Schuhe an, es war kälter als gedacht und der Kinderwagen lies sich kaum durch den sandigen Boden und über die vielen Wurzeln und Hindernisse schieben.

Also mein Mann ist nur so weit voraus gegangen, weil ich nicht schneller hinterher kam.

Also, seht ihr was Wörter können? Einen Wolkenkratzer der Gedanken bauen und ein Luftschloss - und alles direkt wieder einreissen.

These bestätigt? "


Ich dachte ganz automatisch, dass diese These eine perfekte Synthese ist.

Niemals hätte ich sie in Frage gestellt.


Und dennoch, irgendwo auf dem Weg hierher, habe ich sie dann doch verloren.

Habe ich mich verloren.

Es ist, als hätte ich mich selbst verraten, meine Grundsätze über Bord geworfen und dadurch mein Selbstbild.


Wie konnte das passieren?


Ihr wisst ja, dass ich viel in den sozialen Medien unterwegs bin. Man mag davon halten was man will, aber für mich ist es in gewisserweise wichtig geworden.

Natürlich nicht so wichtig wie Familie, Freundschaft und mein Leben generell. Aber es ist zum Hobby geworden.


Instagram beispielsweise ist eine Plattform, die für mich ursprünglich einzig und alleine dem Zweck dienen sollte, auf diesen Blog aufmerksam zu machen.

Ich habe ab und an mal ein Bild gepostet, vorallem nach der Veröffentlichung meiner Texte hier donnerstags und ganz selten mal eine Story gedreht.


Und dann, plötzlich, waren da die Zahlen.

Je mehr Abbonennten man hat, desto mehr Rückmeldung auf deine Bilder.

Je mehr Interaktion, desto mehr Resonanz.


Ich wurde gewissermaßen süchtig danach. Aber nicht, weil ich unbedingt wollte, dass meine Beiträge "geliked" werden oder weil ich damit Geld verdienen wollte... sondern einzig und allein, weil ich nie ein direkteres Mittel zum Austausch gefunden habe. Weil meine Texte - um die es mir immer ging - plötzlich gelesen wurden und die Rückmeldung nie so einfach und direkt funktionierte.

Ein wenig habe ich mein Nirvana gefunden: Meine Worte kamen an.


Ihr seht es hier unentweg auf meinem Blog: Schreiben macht (mich) glücklich. Und das Schreiben (auf Instagram) wurde daher so etwas wie meine tägliche Dosis Endorphin, meine Bestätigung.


Mehr noch: Ich konnte nicht nur über meine Texte Glück empfangen (und senden), sondern ich durfte auch noch andere Texte konsumieren, in mich hinein saugen, durch mein Herz und meine Gedanken fießen lassen.


Ich bin aufmerksam geworden auf so unglaublich wunderschöne Menschen mit unfassbar guten Texten. Ich habe Humor gefunden und Tiefsinniges, habe gelacht und geweint und mein Weltbild und meine Ansichten mehr als nur einmal überdacht, auf den Kopf gestellt und gerade gerückt. Ja, diese App hat mir geholfen. Und das nicht finanziell oder durch die Zusendung irgendwelcher Samples... sondern mir als Mensch, meiner Seele.


Das ging eine ganze Weile gut so - bis die Schattenseite kam.

Plötzlich war die Zahl der Likes und Follower nicht mehr nur eine unbedeutende Zahl.

Wieder: Nicht weil ich auf Profit aus bin oder war (ich hab noch nie eine Kooperation angenommen), sondern einfach, weil es mit immer wichtiger wurde, dass meine Texte gelesen werden.


Sie waren nicht mehr NUR für mich, meine Leidenschaft, sie waren keine Selbstheilung mehr.. sie waren nur noch die Suche nach Bestätigung.

"Ich MUSS heute noch was posten. Was schreibe ich denn? Der Text ist nicht gut genug. Das Bild passt nicht dazu! Gleich ist es 20 Uhr, da lesen es die meisten Leute" .... Woher kamen plötzlich solche Gedanken?


Und dann war da noch die Zahl unter den Bildern und auch den Feeds der anderen Leute. Wieso hat xy 20 mal soviele Kommentare, Follower oder Austausch, obwohl ihr Feed quasi eine Dauerwerbesendung ist und ich das schon 1000 mal gesehen habe? Wieso bekommt er oder sie 1000 Likes mehr, obwohl unter dem mittelmäßigen Bild nur "Schönen Abend euch!" steht. Wieso ist es okay, wenn sich jemand Blogger oder Content-Creator nennt ohne jemals einen guten Text geschrieben zu haben?


Soll ich euch etwas sagen? So will ich nicht denken. Ich möchte diese Missgunst nicht. Sie vergiftet. Es wird seinen Grund haben, wieso xy scheinbar "erfolgreicher ist". Ich schäme mich dafür, so gedacht zu haben.


Und dann kam die Wende: Ich fand plötzlich Profile auf Instagram, die tausende Folgende hatten.....weil sie ihr Leid dort verarbeiten.


Eine unheilbar kranke Mutter, die ein Fundraising für ihre eigene Beerdigung machte, damit ihr Mann und ihre 3 Söhne sich dafür nicht verschulden müssen.

Eine 1jährige in einer Chemo. Blutkrebs. Ihre Mama verarbeitet durch den Austausch mit ihrer "Community"

Eine junge Frau mit einem Sternchen, was noch im Bauch gehen musste.

Eine Mama, die wie eine Löwin gegen das schlimme Mobbing gegen ihre Tochter kämpft.


Und dann fühle ich mich schlecht.

Nicht nur, weil dieses Leid mich zu ersticken droht, weil ich den Kloß im Hals nicht mehr los werde, sondern auch, weil ich missgünstige Gedanken hegte, weil ich neidisch war. Weil die Zahl mir wichtig war, obwohl sie so egal ist.


Und dann waren sie eben weg, die Worte. Verloren in dem Meer aus Worten.



Jetzt sind sie zurück.


Ich habe diesen Beitrag runtergeschrieben. So ehrlich direkt von meiner Seele aufs Papier. Jetzt sprudeln die Worte aus mir heraus.


Es wirkt wie eine Befreiung.


Ich möchte nicht mehr darüber nachdenken, was ich wann und wieso teile. Ich möchte die Worte wieder frei lassen, sie heraus lassen, so wie sie kommen.

Damit es hier wieder weniger ernst werden kann und ich euch wieder aus meinem Leben erzählen kann. Damit der Humor wieder zurück kommt.

Ich möchte euch zum Lachen bringen.

Ich möchte über Liebe schreiben. Über Gedanken. Über Wünsche. Über Leben.

Über diese zwei:





Weil ich eben ein Schreiberling bin.

Weil es Leidenschaft ist.

Und weil ich wieder an die Macht der Worte glauben will.


Und das werde ich.

Danke dass ihr ein Teil davon seid.